Campione: Wie geht es dem Ort nach der Casino-Pleite?

    Campione wart einst ein Ort voller Reichtum, Luxus und einem erstklassigen Lebensgefühl. Hierfür hat vor allem das Casino Campione gesorgt, welches lange Zeit einen Ruf als größtes Casino Europas hatte – bis zu seiner Pleite vor rund einem Jahr. Diese riss das kleine, rund 2.000 Einwohner große Dorf, in eine tiefe Krise. Aber wie sieht es dort jetzt aus? Konnte sich Campione erholen oder hat der Ort noch immer unter den Folgen des Casino-Untergangs zu leiden?

    Abhängigkeit unterm Strich zu groß

    Die kleine Exklave Campione d’ Italia in der Südschweiz ist eigentlich ein bildhaft schöner Ort, der für ein geselliges und entspanntes Leben stehen könnte – aber eben nur könnte. Denn bereits seit mehr als einem Jahr herrschen in Campione vor allem Unsicherheit und Angst. Der Grund dafür ist unschwer zu erkennen: Wie ein Mahnmal ragt das Casino über alle anderen Dächer empor und stellt diese noch immer deutlich in den Schatten. Aber nur größentechnisch betrachtet. Denn hinter der Fassade des Casino-Klotzes passiert schon seit rund einem Jahr nichts mehr. Das Casino ist Pleite und so haben die fast 500 Angestellten vor fast einem Jahr, am 27. Juli 2018, zum letzten Mal einen Lohnscheck des Casinos in den Händen halten können. Zahlreiche Mitarbeiter waren mehrere Jahrzehnte für das Casino tätig. Auch deshalb, weil die Region alles auf diese Karte setzte. Einen anderen Arbeitgeber gibt es nicht, Campione war einzig und allein auf das Casino ausgelegt, welches – so viel Zeit muss sein – immerhin als größtes Casino Europas in die Geschichte einging.

    Geblieben ist davon allerdings wenig bis gar nichts. Die ehemaligen Mitarbeiter schimpfen über das Management der Spielbank, gleichzeitig sind auch sie fassungslos darüber, dass sich die kleine Region so sehr in die Abhängig des Casinos begeben hat. Zur Verteidigung muss gesagt werden: In den besten Zeiten wurden alle zehn Tage rund 700.000 Franken vom Casino in die Gemeindekasse überwiesen. Geld und Arbeit waren folglich jederzeit ausreichend vorhanden. Und genau in diesen angenehmen Rahmenbedingungen wuchs die Abhängigkeit vom damals noch solventen Spieltempel.

    Folgen sind verheerend

    Wie groß die Abhängigkeit wirklich war, dürfte vielen Einwohnern des 2.000-Seelen-Ortes wohl erst in den vergangenen Monaten so richtig bewusst gewesen sein – und die Fakten verdeutlichen dies. Das Casino hat eine Schuldenliste von rund 175 Millionen Franken, die Gemeinde als alleiniger Eigentümer steht mit gut 140 Millionen Franken im roten Bereich. Fast die Hälfe (800) aller Einwohner des Ortes ist arbeitslos, Kindergärten, ein Altersheim und ein Tourismusbüro wurden bereits geschlossen. Zudem wird in der Schule nur noch in Ausnahmefällen die Heizung angeschmissen, Gemeindemitarbeiter warten ebenfalls seit über einem Jahr auf ihren Lohn. Das Problem: Würde man Campione sich selbst unterlassen, lägen die Überlebenschancen für den Ort und seine Einwohner enorm gering. Aus diesem Grund greift die Schweiz bzw. der Kanton Tessin unter die Arme.

    Auch hier wächst allerdings der Druck, denn die Kosten für Schulgelder, Abfallentsorgung, Strom oder Gas sprengen den Rahmen des Kantons. Bis zum letzten September lag der Betrag für die Unkosten bei rund fünf Millionen Franken, seit dem ging es natürlich noch deutlich weiter nach oben. Mehr und mehr Politiker fordern daher, diese Gelder zumindest auf anderen Wegen verrechnen zu lassen. Zum Beispiel bei der Grenzgänger-Steuer. Bislang ist dies offenbar noch nicht möglich, die Behörden auf beiden Seiten verhandeln aber schon eine Lösung.

    Casino muss wieder öffnen – aber es gibt ein Problem

    Auch aufgrund der Tatsache, dass die Schulden in Tessin mit jedem Tag, an dem das Casino geschlossen bleibt, steigen, ist die einzige Lösung des Problems eine Wiedereröffnung. Langfristig, so die Meinung der Einwohner, müsse man sich dann von dem Casino als einzige Einnahmequelle aber lösen. Doch es gibt einige rechtliche Probleme, die eine Eröffnung nicht unbedingt einfach machen. Für einen privaten Investor ist das Casino nach der Performance der letzten Jahre kaum interessant. Campione selbst darf aufgrund des laufenden Konkursverfahrens erst einmal fünf Jahre nicht mehr als Teilhaberin an einem Casino fungieren. Um den Weg hier freizumachen, müsste in Rom ein landesweites Gesetz geändert werden – das scheint eher unwahrscheinlich. Dennoch hofft man in Campione, dass im mächtigen Rom möglicherweise eine Ausnahme für das kleine Örtchen gemacht wird. Immerhin bedeutet das Casino Campione eine beeindruckende Tradition.

    Bereits 1990 wurde der zehn Stockwerke große Gebäudekomplex errichtet. Angeheuert wurde extra der Tessiner Stararchitekt Mario Botta, der das Casino für einen Betrag von rund 190 Millionen Franken bauen ließ. Die Rechnung der Bauherren damals war einfach: Je größer das Casino, desto größer auch die Einnahmen. Bereits kurz nach der Eröffnung folgten dann allerdings erste Probleme, da in Italien Spielautomaten in Bars erlaubt wurden und so zahlreiche Spieler lieber dort ihr Geld investierten. Anschließend erlaubte die Schweiz das Glücksspiel und errichtete ebenfalls Casinos als Anlaufstellen – und in den letzten Jahren hat dann das Internet dem Casino seine Rechnungen ebenfalls ruiniert. Trotz alledem bleibt zu hoffen, dass das Casino Campione auch diesen heftigen Rückschlag wegstecken kann und es dem kleinen Örtchen am Luganersee schon bald wieder besser geht.

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